Norbert Rojan

geb. 25 April 1965 in Homburg/Saar

Foto: privat

Foto: privat

Seine Biografie mag auf den ersten Blick alles andere als geradlinig erscheinen, bei allen unterschiedlichen Neigungen und Aktivitäten bleiben aber doch zwei Konstanten in Norbert Rojans Leben erkennbar: die Begeisterung für die Mathematik und die Liebe zur Literatur.

Norbert Rojan wächst in Bruchhof-Sanddorf, einem Stadtteil von Homburg, auf, wo er zunächst auch die Grundschule besucht; anschließend die Hohenburgschule, Homburg. 1980 beginnt er eine Lehre zum Maschinenschlosser, wechselt 1983 aber zur Ausbildung als Technischer Zeichner (mit Abschluss). Parallel dazu Besuch des Abendgymnasiums Homburg; Abitur 1985, anschließend Zivildienst an der Uni-Klinik Homburg (24 Monate). Danach beginnt er eine Buchhändlerlehre in der „Görres-Buchhandlung“ in Saarbrücken, bricht nach einem Jahr ab („weil ich da meistens Hausmeistertätigkeiten ausführen sollte“ – Rojan im Gespräch im November 2025) und beginnt ein Maschinenbaustudium an der FH Saarbrücken. 1989 nimmt er die Ausbildung zum Buchhändler wieder auf („Buchhandlung am St. Johanner Markt“; Abschluss 1990).

1991 zieht Rojan nach Frankfurt / Main. („Frankfurt ist die Hauptstadt des Buches, deshalb hat es mich hierhergezogen“). Er tritt eine Stelle in der „Huss’schen Universitätsbuchhandlung“ an, wechselt im Herbst 1994 zum „Eichborn-Verlag“ (Vertrieb und Verkauf), geht dann für zwei Jahre nach München (Verlag „ars Edition“, Marketing) und kehrt wieder an dem Main zurück, wo er von 1997 bis 2000 beim Börsenverein des Buchhandels (Marketing) arbeitet. (Rojan: „Ich hab den Deutschen Bücherpreis erfunden.“ )

B3-Verlag und Hessenshop

2002 gründet Rojan den „B3-Verlag“ in Frankfurt-Bockenheim. Zunächst verlegt er eine Buchreihe, die eine regionale Koch-Sendung des Hessischen Rundfunks („Kochen um die Wette“) begleitet. Es folgen weitere populäre regionale Publikationen, teils in Kooperation mit hr, FR oder FAZ. Zwischen 2010 und 2014 wächst das B3-Programm auf ca. einhundert lieferbare Titel.

Der Saarländer Norbert Rojan wird (Wahl-)Hesse. 2010 gründet er in Bockenheim gemeinsam mit seiner Frau den „Hessenshop“ mit einer Filiale in der traditionsreichen Kleinmarkthalle in der Frankfurter Hasengasse. Der Verkauf regionaler Spezialitäten (Kulinarisches ebenso wie Künstlerisches) schafft die finanzielle Basis für die Arbeit als Verleger und Autor. Das B3-Programm ist heute stark ausgedünnt; Rojan verlegt nur noch „Dinge die ich selbst geschrieben habe oder die mich selbst interessieren“. Dazu gehören die Bücher des Frankfurters Henry Jaeger.

Henry, „Prinz der Unterwelt“

Karl-Heinz „Henry“ Jäger wird 1927 in Frankfurt-Bornheim geboren. Mit 25 ist er Kopf einer Bande, die auf Einbrüche und Raubüberfälle spezialisiert ist und die „Der Spiegel“ einmal „die klügste und raffinierteste der jungen Bundesrepublik“ nennt. 1954 wird die Bande gefasst, Jäger zu zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt. In der Haft beginnt er zu schreiben, 1962 erscheint sein erster Roman, „Die Festung“, der zwei Jahre später sogar mit Martin Held und Hildegard Knef verfilmt wird (Regie: Alfred Weidenmann). Aber der Erfolg bleibt dem geläuterten enfant terrible nicht treu, sein Leben ist ein ewiges Auf und ab; es endet 2000 in Locarno.

Auf diese schillernde Persönlichkeit wird Norbert Rojan durch zwei Männer aufmerksam, die Jaeger nahestanden, den Roman- und Drehbuchautor Peter Zingler („Tatort“ / „Ein Fall für zwei“) und Rainer Holbe (Journalist, Hörfunk- und Fernseh-Moderator; „Starparade“). Rojan nimmt Jaegers zeitgeschichtlich spannende Romane ins B3-Programm; zwischen 2012 und 2025 erscheinen Neuauflagen von vier Titeln („Die Festung“ 2012, „Das Freudenhaus“ 2016, „Jakob auf der Leiter“ 2020, „Der Club“ 2025). Außerdem schreibt Norbert Rojan  die Roman-Biografie „Der Gröschaz“ (d.i. „der größte Schriftsteller aller Zeiten“), die 2019 erscheint.

Mord in der Kleinmarkthalle

2014 feiert die Kleinmarkthalle ihren 60. Geburtstag. Norbert Rojan, Verleger und Verehrer dieses „Frankfurter Viktualienmarkts“, sucht einen Autor, der zum Jubiläum einen Krimi mit Lokalkolorit schreibt, quasi einen „Tatort Kleinmarkthalle“. Es findet sich niemand. Rojan: „Das war die Geburtsstunde von Jakob Stein.“ Unter diesem Pseudonym schreibt er schließlich selbst den Roman „Doppelmord“. Sein Ermittler heißt Hauptkommissar Martin Schwaner, ist gebürtiger Saarländer und mittlerweile (Ende 2025) achtmal „im Einsatz“ gewesen.

Rojan will eine Figur, die „aus dem wirklichen Leben gegriffen“ ist, „also nicht dieser Schimanski-Typ, sondern jemand, der zielstrebig und systematisch arbeitet“. Solche Kriminalisten hat Rojan in Frankfurt bei Polizei und Zoll kennengelernt und gesehen: „Ermittlungsdienst ist doch auch sehr nüchtern“. So ein nüchterner, fast trockener Typ ist sein Martin Schwaner anfangs; Ereignisse, die im fünften Band der Reihe („Flucht in den Tod“, 2015) beschrieben werden, gehen dem coolen Kommissar dann aber so nahe, dass er den ermittelnden Dienst quittiert. Fortan lehrt er an der Polizeihochschule. Sein Fach heißt „Mathematische Kriminalistik“. 

Punkte, Linien, Zahlen

Mathematik als Brille, durch die der Protagonist ein Verbrechen betrachtet; als Mittel, das dem psychisch Angeschlagenen hilft, Abstand zu wahren. Ein Kniff, der es wiederum dem Autor erlaubt, Themen anzusprechen, die ihm am Herzen liegen – Mathematik, Physik, Astronomie – und denen er sich seit Jahren schon beispielsweise in seinem Nebenberuf als Frankfurter Stadtführer widmet. Dort erzählt Rojan „mit Punkt und Linie beginnend, die Geschichte der Geometrie anhand zahlreicher Beispiele im Stadtbild Frankfurts nach.“

Haben in „Punkt, Linie: Mord!“ noch Pythagoras und Euklid die „Ermittlungsansätze“ des Kommissars bestimmt, sind es im darauffolgenden „11011 … Mord?“ Zahlen und virtuelle Welten. In seinem siebten Fall kehrt der Saarländer Schwaner in die Heimat zurück.

Odysseus an der Saar

Schwaners Stunde schlägt, als der „Kosmos“-Konzern mit Sitz in St. Wendel (also „Globus“?) von Cyber-Kriminellen erpresst wird. Die Saarländer bitten die Frankfurter um Amtshilfe, und schon sitzt Martin Schwaner im Zug gen Saarbrücken. Die Fahrt zeichnet Norbert Rojan als dreizehnstündige Odyssee (Bahn Bashing ist in), in der u.a. eine Bar Kalypso, ein Zyklop und eine gewisse Nausikaa auftauchen. Vor Ort hat Schwaner dann einen promovierten Philosophen namens Lakovos Petra (dt. Jakob Stein) an seiner Seite.

Interessanter als die Krimihandlung ist der Blick des Autors auf aktuelle Themen wie das Funktionieren des weltweiten Geldverkehrs; Möglichkeiten der Manipulation unseres Kaufverhaltens; Verbindungen zwischen Kundendaten und Warenpreisgestaltung; oder die Frage nach dem strafrechtlichen Status einer KI. Rojan: „Ich will fernab des Mainstreams im Krimi neue Erzählformen ausprobieren und auf gesellschaftliche Missstände und Ängste aufmerksam machen.“ (Frankfurter Neue Presse, 02.11.2018)

Dass ausgerechnet das Saarland hier zum Ort der Handlung wurde, mag auch sentimentale Gründe haben. Einen „verklärten“ Blick kann man Rojan aber nicht vorwerfen. St. Wendel ist „nicht gerade der Nabel der Welt“ (S.64), Homburg erscheint als „trostlose Stadt“ (S.108), und Neunkirchen gilt Rojans alter ego Schwaner „als grauer, langweiliger Industrieort“ (S.183). Eine emotionale Verbindung, sagt der Autor im Gespräch, spürt er eher zu anderen Orten seiner Jugend; zum Homburger Karlsberg oder zur Klosterruine Wörschweiler etwa, einem „Kraftort“, der dann auch bei der Auflösung des Krimirätsels „11011“ eine Rolle spielt.

Lilienthal

Zu einer Zeit, „als der Kosmos noch nicht bis in seine tiefsten Tiefen bekannt war“, spielt einer von zwei Erzählsträngen in Rojans Roman „Lilienthal oder Die Entzauberung des Himmels“. Um die Wende von 18. zum 19. Jahrhundert leistet der Astronom Johann Hieronymus Schroeter (1745–1816) in Lilienthal bei Bremen Pionierarbeit bei der Kartografie der damals bekannten Himmelskörper. Die zweite Erzählebene führt ins Satellitenkontrollzentrum der ESA in Darmstadt, wo ein enttäuschter „moderner“ Wissenschaftler sich auf die Suche begibt „nach dem Zeitpunkt, an welchem der Himmel noch seinen Zauber besaß.“ (S.318) Er beginnt, ein Buch über Lilienthal zu schreiben.

Die unermesslichen Weiten und das Staubkorn Mensch – Norbert Rojan lässt sich nicht verführen zu gefühligen Allgemeinplätzen. Er bleibt sachlich, beschreibt das unruhige frühe 19. Jahrhundert kenntnisreich und zeichnet ein spannendes Bild der Probleme, mit denen Astronomen damals zu tun hatten. Dass sie sich damals wie heute auch die Frage nach dem Anfang des Kosmos und der Existenz eines Gottes stellen, versteht sich von selbst. Auch wenn die Sternwarte heute nicht mehr, wie in Lilienthal, unmittelbar neben der Kirche steht.

Willie Spiess

„Nirgendwo gibt es größere Geheimnisse als in der eigenen Familie“, sagt Norbert Rojan und taucht 2019 ein in die Sphären der Genealogie. Anlass ist der Geburtstag seines Onkels Willie Spiess, der sich zum 110. Mal jährt. Spiess wurde 1909 in Homburg geboren und starb 1997 in Kirkel-Altstadt. In der Familie galt er als Sonderling; immerhin war er Künstler, Mitglied der 1957 von Kleint und Holweck gegründeten „neue gruppe saar“, Vertreter des Informellen.

Das Buch „Mein Onkel“ will „keine kunsthistorische Einordnung, keine theoretische Analyse“ sein; es ist eine Hommage, es versammelt Erinnerungen, Gedankenspiele, persönliche Interpretationen und ist eine Annäherung an den Künstler Spiess und die Person Norbert Rojan zugleich, an seine Jugend, sein Aufwachsen im Saarland. Ein Bild- und Erzählband mit 34 Abbildungen und korrespondierenden Texten.

pmk