Anne-Marie Stöhr
geb. 17. Aug. 1969 in Saarbrücken

Foto privat
Anne-Marie Stöhr ist eine international tätige Bildende Künstlerin, die erst spät zur Literatur findet und 2025 ihr erstes Buch veröffentlicht.
Die ersten Lebensjahre verbringt Stöhr in Saarbrücken und im Saargau. 1975 zieht die Familie – der Vater ist Deutscher, die Mutter Schwedin – über die saarländisch-lothringische Grenze ins Spicherer Tal. Anne-Marie wird in Spicheren eingeschult (Stöhr: „ich bin in Frankreich ohne Sprachkenntnisse eingeschult worden“ – Gespräch im Februar 2026). Erst als sie das Französische mehr oder weniger beherrscht, wird sie dort akzeptiert, ist sie nicht länger „die Boche“ – und zieht dann schon wieder zurück nach Saarbrücken. 1980 besucht sie kurz das Deutsch-Französische Gymnasium, bevor der nächste Umzug ansteht.
Mal „Boche“, mal „Flittkopp“
Ihr neuer Wohnort wird Winterbach, ein Ortsteil von St. Wendel, wo sie ab 1981 das Cusanus Gymnasium besucht. Die „Französin“ („da war man dann Flittkopp“) bleibt immerhin fünf Jahre in der saarländischen Kleinstadt, dann zieht die Familie nach West-Schweden, wo auch die Verwandten der Mutter leben. Wieder sieht sich Stöhr einer neuen Sprache, einer anderen Kultur gegenüber. Glücklicherweise fällt ihr Sprachenlernen leicht („anpassen kann ich mich sehr schnell“); eine Begabung, die sie in kommenden Jahren auch beruflich nutzen kann, als Sprachlehrerin.
Ihre Berufung sieht sie jedoch auf einem anderen Gebiet. Schon „mit 13 war mir klar, dass ich Künstlerin werden will“. 1989 wird sie zum Studium an der Domen Konstskola in Göteborg angenommen (1989-91, Malerei) und setzt die Ausbildung (Malerei und Performance) von 1992 bis 1997 an HBK, Saarbrücken fort (Diplom 1997). Das Studium an der HBK (u.a. bei Ulrike Rosenbach) ergänzt sie durch Aufenthalte an der École des Arts Décoratifs in Strasbourg (1994) und in Grenoble (1997).
„Kunstmanöver“
1995 gründen Stöhr, der in Walsheim lebende Ulrich Behr, die Bildhauerin Gudrun Schuster und die Stuttgarter Künstlerin Sabine Loos die Gruppe „Kunstmanöver“; das Kollektiv spezialisiert sich auf Installationen in sog. Konversionsgebieten, also ehemaligen militärischen Anlagen, u.a. in Homburg / Saar, Neuruppin oder Göteborg. „Das Projekt verband zeitgenössische Kunst, also Installationen, Objektkunst mit dem spezifischen historischen Kontext von Konversionsflächen.“
1998 zieht Stöhr nach Kaiserslautern. Finanziell sichert sie sich durch Sprachunterricht ab. An der Uni und an der Volkshochschule, wo sie Deutsch als Fremdsprache unterrichtet, lernt sie ihren künftigen Mann kennen, einen Amerikaner, mit dem sie 2002 in die USA geht. Die nächsten 19 Jahre lebt sie in der Bay Area, San Francisco. 2019 kommt Anne-Marie Stöhr zurück ins Saarland, wohin sie Kontakte gepflegt hat und wo sie sich im Künstlerhaus engagiert.
„Transit-Bezüge“
Als Bildende Künstlerin hat Stöhr sich längst einen Namen gemacht. Eine Vielzahl von Einzel- und Gruppenausstellungen in den Vereinigten Staaten, Schweden, Frankreich und Deutschland (u.a. Bonn, Braunschweig, Kaiserslautern, Saarbrücken) belegen das (ausführlich auf der Website www.astohr.com ). Die viersprachige Künstlerin erachtet die Malerei als ihre „fünfte Sprache“. Der kreative Gebrauch der deutschen (und englischen) Sprache, das Schreiben kurzer literarischer Texte, gehört seit den 1990er Jahren aber auch zu Stöhrs Ausdrucksmöglichkeiten. Auf langen Zugfahrten zwischen Deutschland und Schweden schreibt sie Kurzgeschichten, in denen sie die zufälligen Begegnungen mit anderen Reisenden verarbeitet: „Transit-Bezüge.“
„Die Treppe“
Die erste Veröffentlichung eines längeren Prosatexts folgt 2025 in der Buchreihe Tropicana des Saarländischen Künstlerhauses, die Erzählung „Die Treppe.“ Fast zwanzig Jahre beschäftigt sich Anne-Marie Stöhr immer wieder mit der hoch komplexen und hoch emotionalen Thematik, bis sie eine gültige Form dafür findet. Es geht um Erziehung und Rebellion, Missbrauch und Gewalt, Rollenbilder und das Fortleben einer unbewältigten, düsteren Vergangenheit. „Meine Intention war, die trans-generationellen Traumata darzustellen, die Nachwirkungen der Nazi-Zeit.“
Die Perspektive ist die der kleinen Malin, die zu Beginn etwa drei, am Ende der Erzählung vielleicht fünf Jahre alt ist. Das Kind ist all diesen Repressalien und Perversionen innerhalb der eigenen Familie ausgesetzt; so selbstverständlich geht der Missbrauch vonstatten, dass Malin ihn manchmal als „Normalität“ ansieht. „Die kindliche Perspektive lässt die Gewalt skurril erscheinen und Komik grausam gefrieren“, heißt es dazu auf der Internet-Seite des Saarländischen Künstlerhauses. Stöhr sagt: „Im Nebensatz kommt das Schlimme.“
Konkret verorten will die Autorin ihre Geschichte nicht; auch wenn an einer Stelle der Bezug zu Saarbrücken erkennbar wird – für Ortskundige. Stöhr: „Es hätte auch in Oldenburg spielen können.“ Es geht ganz allgemein um „das Deutschland der 1970er Jahre“, um den „Sprachkosmos, der zu der Generation gehört“ und um den Zusammenhang zwischen physischer Gewalt und Gewalt in der Sprache.
pmk