Hans-Jürgen Greif

geb. 27. Nov. 1941 in Völklingen

Foto privat

Als Wissenschaftler wie als Schriftsteller beweist Hans-Jürgen Greif enorme Vielseitigkeit; dabei behält er zwei Eigenschaften stets im Blick, die seine Wahlheimat Kanada besonders auszeichnen und die er befördern will: Mehrsprachigkeit und Multikulturalität.

Die von Krieg und Nachkriegsnot geprägten Jahre der Kindheit erlebt Greif in Völklingen, das als Standort der Montanindustrie zunächst stark umkämpft ist und nach Mai 1945 unter französische Verwaltung kommt, bevor es 1947 Teil des halbautonomen Saarstaats wird. Greif kommt früh in Kontakt mit der französischen Sprache. Er besucht das Gymnasium in seiner Heimatstadt (Abitur 1960) und beginnt zunächst ein Studium der Pädagogik und Philosophie in Saarbrücken und Caen (Normandie, 1962), dann belegt er Romanistik, Germanistik und Komparatistik an der Saar-Uni. 1967 wird er ebenda mit einer Dissertation über den italienischen Dichter Ugo Foscolo (1778–1827) promoviert. Danach verlässt Greif Deutschland. Zwar wird die Verbindung zur Uni des Saarlandes nie abreißen, sein Lebensmittelpunkt wird aber das frankophone Kanada.

Ab 1969 ist Hans-Jürgen Greif Professor für französische und deutsche Literatur an der Universität Laval in Québec, Kanada. 1971 richtet er dort auch den ersten Studiengang Italianistik ein. Im Jahr 2007 wird Greif emeritiert. Bis dahin veröffentlicht er mehr als zwanzig wissenschaftliche und belletristische Bücher, zahlreiche Artikel, Buchbesprechungen und Essays für Zeitschriften wie „Etudes littéraires oder „Québec Francais“ sowie Novellen und Kurzgeschichten. Er schreibt überwiegend in französischer Sprache, seine Arbeiten werden teilweise ins Deutsche, Englische, Spanische oder Italienische übersetzt. Die beiden Werke, die auf Deutsch verlegt wurden, sind allerdings vergriffen.

Parallel zu seinen literatur- und kulturwissenschaftlichen Seminaren und Vorlesungen an der Universität unterrichtet er seit 1970 deutsche Phonetik und Phonologie am Conservatoire de Musique et d’Art Dramatique de Québec. Außerdem begleitet er die Studierenden dieses Konservatoriums auf Tourneen. Im Jahr 2006 gründet er die Fondation Hans-Jürgen Greif, die jedes Jahr einen herausragenden Absolventen des Konservatoriums ehrt.

Greif selbst erfährt zahlreiche Ehrungen für seine kulturübergreifenden und verbindenden Aktivitäten. Er gilt als Mitbegründer des Instituts für internationale Beziehungen (IQHEI) in Québec. Auch seine Verdienste um den seit den 1980er Jahren bestehenden Studierendenaustausch zwischen Laval und der Freien Universität Berlin sowie der Uni des Saarlandes werden gewürdigt. Die von Greif mitgeprägten „literarischen und kulturellen Verflechtungen zwischen dem frankophonen Kanada (insbesondere Québec) und Deutschland im Kontext der Moderne des 20. Jahrhunderts“ stehen auch im Mittelpunkt eines internationalen Kolloquiums im November 2023 an der Universität des Saarlandes, organisiert von Prof. Hans-Jürgen Lüsebrink (Romanistik / interkulturelle Kommunikation).

Am 17. Oktober 2025 schließlich verleiht Mary Simon, die kanadische Generalgouverneurin, Greif den Titel “Member of the Order of Canada” für seine Verdienste um “Literatur, Lehre und Kulturaustausch“, eine der höchsten zivilen Auszeichnungen des Landes.

Als Wissenschaftler bearbeitet Greif ein Themenspektrum, das von italienischen Autoren des 18. und 19. Jahrhunderts bis hin zu deutschen Gegenwartsautoren wie Siegfried Lenz oder Christa Wolf reicht. Sein besonderes Interesse gilt immer auch der kanadischen Literatur; dabei richtet er den Blick oft auf die Werke eingewanderter („migrant“ im Gegensatz zu „native“) Dichter und stellt mehrsprachige, multikulturelle Perspektiven heraus. 2004 gibt er, zusammen mit seinem Kollegen Francois Ouellet, die Anthologie „La littérature Québéquoise 1960 – 2000“ heraus, die seither als Standardwerk gilt.

Als Romanautor tritt Greif erstmals 1990 in Erscheinung, als sein Buch „L’autre Pandore“ (in französischer Sprache) in Québec veröffentlicht und für einen Literaturpreis (Governor General’s Award for Fiction)  nominiert wird: fünf Freunde treffen sich, um einander wahre aber geheimnisvolle, ins Phantastische driftende Geschichten zu erzählen. In Struktur (Erzählungen in der Erzählung) und Haltung (Komplizenschaft zwischen Erzähler und Leser) wird Greifs Erstling mit „Tales from the White Hart“ des erfolgreichen englischen SF-Autors Arthur C. Clarke aus den 1950er Jahren verglichen.

Mit „Le jugement“ (deutsch: „Das Urteil – Der Maler Niklaus Deutsch in den Wirren der Reformation“) erkundet der Autor das Genre des historischen Romans und drückt seine Begeisterung für die Bildende Kunst aus. Der im Deutschland der Gegenwart angesiedelte Roman „Orfeo“ ist eine Hommage an die Gesangskunst der italienischen Kastraten. Und in den Erzählungen „Le chat proverbial“ (deutsch: „Auf leisen Pfoten“) setzt Greif seinen Lieblingstieren augenzwinkernd ein Denkmal.

Hans-Jürgen Greifs Wirken widersetzt sich einer schnellen Kategorisierung. Als Konstanten sind sein Einsatz für den interkulturellen Dialog und den Kulturaustausch zu nennen. Er gilt als Schlüsselfigur in der Literaturszene der Provinz Québec und darüber hinaus, als künstlerisches Multitalent und als Philanthrop.

pmk