Irina Rosenau
geb. 1978 in Belarus
„Schreiben ist Abwandeln von Wahrem“, sagt Irina Rosenau. Und mit Blick auf die Mühen literarischen Arbeitens zitiert sie Ossip Mandelstam: „Wir denken Schreiben sei ein Brunnen, dabei ist es ein Schwamm.“
Sprachen – Schlüssel zur Welt
Deutlichen Einfluss, erkennbar sowohl in ihrer Biografie als auch ihren Erzählungen, hat ihre Herkunft; Irina Rosenau zieht diesen Begriff dem viel strapazierten „Heimat“ vor (Herkunft, „das sind Prägungen…Heimat kann auch hier sein, weil meine Familie jetzt hier lebt.“ (I.R. im Gespräch im Juni 2025).) Kindheit und Jugend hat sie im Südwesten von Belarus verbracht, in Polesien. Das ist „eine historische Landschaft in Polen, Belarus, der Ukraine und Russland. Landschaftlich ist das Gebiet eine weit ausgedehnte, waldreiche Flussniederung; es dominieren vor allem südlich des Prypjat die Prypjatsümpfe, die mit etwa 90.000 km² Fläche das größte Sumpfgebiet Europas sind.“ (Quelle: Wikipedia)
In dieser ausgedehnten Kultur- und Naturlandschaft (seit 1990 Nationalpark) lebten bereits die Urgroßeltern der Autorin. In der Mittelschule kommt Rosenau eher zufällig und angeregt durch eine ihrer Lehrerinnen mit der deutschen Sprache in Kontakt. „Ihr (dieser Lehrerin) hab ich es zu verdanken, dass ich mich dann für die Sprache interessiert habe, und ich wusste, dass das Meins ist.“ Ihr Interesse wird so stark, dass sie nach deutscher Literatur sucht, „aber in meiner Stadt gab es gar nichts“. Sie findet schließlich ein deutsches Buch über Lokomotiven.
Mit Siebzehn beginnt sie ein Sprachenstudium an der Staatlichen Linguistischen Universität Minsk (1995 – 2000). Dort will sie auch Italienisch lernen, aber eine Warteliste macht das unmöglich. Erst als sie 2001 nach Saarbrücken kommt, kann sie an der Saar-Uni ihre Wunschfächer belegen: Germanistik, Anglistik, Italianistik, Komparatistik. 2005/06 studiert sie außerdem an der Universität in Pisa, „um noch einmal die Perspektive zu wechseln.“
2008 wird Rosenau an der Saarbrücker Uni wissenschaftliche Mitarbeiterin und Lehrbeauftragte am Romanistischen Institut. Sie arbeitet an dem 1979 ins Leben gerufenen Projekt eines Etymologischen Wörterbuchs der Italienischen Sprache (LEI) und an einer Dissertation zum Thema „Selbstdarstellung in Literatur und Kunst“. Auch wenn sie ihre Doktorarbeit schließlich zugunsten des kreativen Schreibens abbricht, bleibt das Interesse an der Verbindung von Wort und visueller Kunst bestehen und findet Ausdruck in ihrer schriftstellerischen Arbeit.
Text + Bild = Filmoskop
Im russisch-jüdischen Dichter Ossip Mandelstam (1891 – 1938) sieht Rosenau einen literarischen Einfluss; Andrej Tarkowskijs „Der Spiegel“ im Bereich Film; in der Bildenden Kunst nennt sie Marc Chagall oder die 1969 in Belgien geborene Collage-Künstlerin Katrien De Blauwer. Deren wiederum an Sergej Eisensteins Montagetechnik erinnerndes Nebeneinanderstellen von Bildern „erzeugt neue Bedeutung, (die) es im kontinuierlichen Erzählen beispielsweise so nicht geben kann.“
Auch von Alltagsdingen wie Fotoalben lässt sie sich beim Schreiben inspirieren, vor allem aber fasziniert sie das Filmoskop. Mit diesem Apparat aus der Sowjetzeit werden kleine Filmstreifen projiziert, Einzelbilder, die mit Texten außerhalb des jeweiligen Bilds kombiniert sind, „ein bisschen wie Comics.“ Der Betrachter liest Absatz für Absatz den Text und sieht immer wieder zum Bild hin; eine „sowjetische Art von laterna magica.“ Das Filmoskop wird zur Metapher für ihre Arbeit, es „bringt etwas ans Licht.“ Filmoskop ist dann auch der Titel ihres 2024 in der Reihe Tropicana des Saarländischen Künstlerhauses erschienenen Erzählbands.
Hans-Bernhard Schiff-Preis
Die fünfzehn hier versammelten Texte entstehen zwischen 2018 und 2024. Schon 2019 gewinnt sie mit ihrer Erzählung „Die Stunde des Farns“ den ersten Preis des Hans-Bernhard Schiff-Literaturpreises der Stadt Saarbrücken. Die Geschichte ist im ländlichen Belarus (Polesien) am Iwan Kupala-Tag angesiedelt, dem traditionellen Sommersonnenwend-Fest.
Die heidnische Legende verspricht jungen Menschen, die des Nachts eine Farnblüte finden (die es nicht gibt), ewige Liebe und Wohlstand. Viele Jugendliche folgen dem Ruf – allerdings eher in der Hoffnung auf intime Begegnungen. Auf diese „Diskrepanz zwischen Mythos, den man feiert und der Realität, wie man den Mythos feiert“, zielt Rosenau ab. In der Mythologie sind Liebe und Macht auf positive Weise miteinander verbunden, in ihrer Erzählung „ist Macht Gewalt“, übt sie Kritik an einer Gesellschaft, die die rituelle Handlung längst von ihrem ursprünglichen Sinn entkoppelt hat. Ein Phänomen, das Belarus auf eine Stufe stellt mit Deutschland oder anderen „modernen“ Nationen. „Belarus für mich ist nicht mehr das Belarus für die Leute, die heute dort aufwachsen“, sagt Rosenau.
Von der Trivialisierung von Traditionen und Bräuchen, von sozialem und kulturellem Wandel und Problemen wie Macht, männlicher Gewalt und Alkoholmissbrauch handeln auch Erzählungen wie „Der Traum“, „Schepot“ oder „Die bleibende Stadt“, alle versammelt in dem Band „Filmoskop“. Neben solchen konkreten gesellschaftlichen Phänomenen beschäftigt Rosenau auch eher allgemein Menschliches, wie der fatale Hang, Gefahren zu ignorieren. In „Der unsichtbare Schein“ greift sie die Katastrophe von Tschernobyl auf und beklagt, „dass wir so gut verdrängen… wichtig (ist), dass dieses Thema präsent bleibt.“
Struktur verleiht ihrem Erzählband auch die chronologische Anordnung der oft montageartig miteinander verbundenen Texte; sie reichen von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter. Und wenn im letzten, fast essayistischen Text „Der verlorene Brief“ von einer Schwangerschaft erzählt wird, ist mit der Geburt einer neuen Generation auch ein (Lebens-)Zyklus vollendet.
Pmk
