Paul von Lettow-Vorbeck
geb. 20. März 1870 in Saarlouis, gest. 9. März 1964 in Hamburg-Othmarschen
Jahrzehntelang gilt der Militär und Autor Paul von Lettow-Vorbeck als Held und Vorbild, bis die Neubewertung der deutschen Kolonialpolitik einsetzt. Der Wandel seines Ansehens spiegelt sich auch im Umgang seiner Geburtsstadt Saarlouis mit der Erinnerung an den „Löwen von Afrika“.
Die Saarlouiser sind ganz anders
Paul von Lettow-Vorbecks Vater ist seit viereinhalb Jahren als Kompaniechef in der deutschen Festungsstadt Saarlouis stationiert und seit 1868 mit Marie von Eisenhart-Rothe verheiratet, als 1870 der Sohn Paul geboren wird. Die Familie wohnt in bürgerlicher Umgebung im Haus Nr. 18 in der Silberherzstraße.
Der Vater und die Mutter entstammen beide pommerschen Adelsgeschlechtern. Über seine Mutter heißt es in Lettow-Vorbecks Autobiograsphie „Sie war eine gute Reiterin, doch ihre Interessen lagen mehr auf häuslichem Gebiet.“ Und zu ihrem Saarlouis-Erlebnis: „Man kann begreifen, dass nach der anregenden Jugend in einem großen geselligen Landhaus in Pommern für meine Mutter die erste Zeit der jungen Ehe im fernen Saarlouis an der französischen Grenze recht hart war. Ihr Mann, eifriger, temperamentvoller Kompaniechef, kam vom Dienst müde und hungrig nach Hause, so dass die junge Frau nicht viel von ihm hatte. Auch waren die Menschen so ganz anders, als sie es bei dem gesellschaftlich recht gleichartigen pommerschen Landadel gewohnt war. Sie hat damals manche Träne vergossen […]“
Von seinem Vater sagt Paul von Lettow-Vorbeck, er sei „spartanisch einfach“ erzogen und „in einer sehr sauberen, aber sehr strengen Schule aufgewachsen“. Und zu seiner landsmannschaftlichen Prägung: „Der Pommer war von Natur nicht für romantisches Schweifen, für große Reden und war gern zu Hause.“ Entsprechend werden auch Paul und seine jüngeren Geschwister erzogen: autoritär, spartanisch.
Als vier Monate nach Pauls Geburt der Deutsch-Französische Krieg ausbricht, schickt der Vater Frau und Kind zu Verwandten in Pommern. Kein Wunder also, dass Paul von Lettow-Vorbeck mit Saarlouis keine Erinnerung verbindet. Nach dem deutschen Sieg kommt die Familie wieder zusammen und folgt dem Vater auf seinen wechselnden Stationen als Besatzungsoffizier in Frankreich. Laut seiner Autobiographie stammt Paul von Lettow-Vorbecks erste Erinnerung denn auch aus dem Jahr 1873 im lothringischen St. Mihiel. Die Okkupationsjahre in Frankreich „waren eine schöne Zeit. Keine materiellen Sorgen, Kriegsgehalt, Wein, was wollte man mehr […]“
Der Militär
Angesichts der Militärtradition in beiden Herkunftsfamilien ist es keine Frage, dass Paul ebenso wie seine Brüder auf die militärische Laufbahn geschickt wird. Mit 11 Jahren kommt Lettow-Vorbeck nach Potsdam ins Kadettenkorps. Es ist der Beginn eines raschen Aufstiegs im Militärdienst mit mehreren Stationen in Deutschland und dann auch Einsätzen im Ausland. 1900/1901 nimmt er an der Zerschlagung der Boxerbewegung in China teil. In der Kolonie Deutsch-Südwestafrika ist er am Völkermord an den Herero und Nama beteiligt.[
Seinen Ruhm erwirbt er sich als Kommandeur der Schutztruppe in Deutsch-Ostafrika während des Ersten Weltkriegs. In eigener Machtvollkommenheit greift er mit Beginn des europäischen Festlandkrieges die englische Kolonie in Ostafrika an mit dem Argument, dadurch gegnerische Kräfte zu binden und die Heimatfront zu entlasten. Dass dies tatsächlich gelang, wird angezweifelt, sein Biograf Eckard Michels spricht stattdessen von „Ego-Tripp“.
Lettow-Vorbecks Truppe besteht überwiegend aus Einheimischen, so genannten Askaris, die Offiziere sind allerdings allesamt Deutsche. Auch wenn Lettow-Vorbeck von den rassistischen Vorurteilen seines Milieus geprägt ist, erkennt er, anders als die Kolonialoffiziere anderer Nationen, die militärische Brauchbarkeit der Askaris. Nach dem Krieg wird er sich dafür einsetzen, dass Deutschland ihnen ihren ausstehenden Sold auszahlt. Zunächst erzielt Lettow-Vorbeck eine Reihe militärischer Erfolge. Selbst als er die deutsche Kolonie schließlich doch räumen muss, gibt er den Kampf nicht auf und verwickelt den Gegner in eine Art Guerillakrieg. Sich selbst nicht schonend, nimmt er auch keine Rücksicht auf seine Untergebenen und hinterlässt katastrophale Kollateralschäden. Einer seiner Truppenärzte notiert: „Hinter uns lassen wir zerstörte Felder, restlos geplünderte Magazine und für die nächste Zeit Hungersnot. Wir sind keine Schrittmacher der Kultur mehr; unsere Spur ist bezeichnet von Tod, Plünderung und menschenleeren Dörfern, geradeso wie im Dreißigjährigen Krieg.“
Lettow-Vorbeck führt seinen Kampf noch über den Tag der deutschen Kapitulation hinaus fort und ergibt sich erst zwei Wochen später. Seine Schutztruppe kann mit Recht als „im Felde unbesiegt“ gelten. Die Heimkehrer werden in Berlin mit großem Bahnhof empfangen. Es ist der Beginn eines Kultes um Lettow-Vorbeck, der von der Weimarer Republik übers Dritte Reich bis in die Anfangsjahre der Bundesrepublik andauern sollte. Lettow-Vorbeck gilt als Paradebeispiel für Deutschlands angeblich untadelige Form der Kriegsführung.
Der Autor
Wegen der Beteiligung am Kapp-Putsch wird Lettow-Vorbeck 1920 im Range eines Generalmajors aus dem Militärdienst entlassen – bei vollen Bezügen. Mit 50 Jahren ist er Pensionär.
Der Leipziger Koehler-Verlag nutzt den Nimbus von Lettow-Vorbeck und bringt 1920 parallel zwei Bücher unter seinem Namen auf den Markt: das mehr aufs Fachpublikum abzielende Werk „Meine Erinnerungen aus Ostafrika“ sowie eine umgearbeitete „Volksausgabe“ unter dem Titel „Heia Safari“. Da er über keine Erfahrung im Schreiben verfügt und sich nicht auf persönliche Aufzeichnungen stützen kann, engagiert der Verlag für ihn einen Historiker als Ghostwriter. Auch die Umarbeitung zur „Volksausgabe“ wird von einem Helfer geleistet. Die Tendenz der Bücher: Verherrlichung des Krieges, Entlastung der ehemaligen Militärführung vom Vorwurf der Kriegsschuld, Kritik an den Zivilbehörden.
Beide Bücher werden Bestseller. Gleichzeitig zieht Lettow-Vorbecks als Vortragsreisender durchs Land und fordert die Rückgabe der Kolonien an Deutschland. 1953 unternimmt der 82-jährige eine von der „Deutschen Illustrierten“ gesponserte Afrika-Reise, die zwei Jahre später ihren Niederschlag in dem Buch „Afrika, wie ich es wiedersah“ findet. 1957 erscheint seine Autobiografie „Mein Leben“.
Die Legende
Unverändert bis zu seinem Tod bleibt Lettow-Vorbecks autoritäre, anti-demokratische Gesinnung. Zur Zeit der Weimarer Republik unternimmt er einen Ausflug in die Politik, gehört als Abgeordneter der stramm rechten Deutschnationalen Volkspartei sogar vorübergehend dem Reichstag an.
Im Dritten Reich geraten Lettow-Vorbecks kolonialrevisionistische Vorstellungen in Widerspruch zu denen der Nazis, die den „Lebensraum“ für das deutsche Volk nicht in Afrika, sondern im Osten Europas suchen. Er leistet allerdings keinen Widerstand, sondern lässt sich für die nationalsozialistische Propaganda einspannen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg nimmt Lettow-Vorbeck dezidiert Stellung zur Saar-Problematik. 1950 schreibt er, das Saarland dürfe nicht von Deutschland abgetrennt werden, denn „man hat Deutschland bereits über die Maßen ausgeplündert“, es könne sich „nicht leisten, auch nur auf einen weiteren Quadratzentimeter zu verzichten“.
Lettow-Vorbecks Ruhm ist noch in den Anfangsjahren der Bundesrepublik ungebrochen. In vielen Städten werden Straßen, Kasernen und Schulen nach ihm benannt. Zu seinem 90. Geburtstag im Jahr 1960 senden Bundespräsident Heinrich Lübke, Bundeskanzler Konrad Adenauer und Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß Glückwunschtelegramme. Am 9. März 1964 verstirbt Paul von Lettow-Vorbeck im Alter von 94 Jahren an Herzversagen in seiner Wohnung in Hamburg. In seiner Grabrede nennt Verteidigungsminister Kai-Uwe von Hassel, als Sohn eines Schutztruppen-Offiziers in Deutsch-Ostafrika geboren, Lettow-Vorbeck ein Vorbild für die Bundeswehr.
Der Problemfall
Zu diesem Zeitpunkt gibt es in der Bundesrepublik bereits erste zaghafte Ansätze einer Neubewertung der deutschen Kolonialpolitik. Seit dem 1990-er- Jahren wird auch das Ansehen Lettow-Vorbecks erschüttert. Seine angebliche Ritterlichkeit wird in Frage gestellt, es wird nun an seine rücksichtslose Kriegsführung in Ostafrika erinnert, auch die Beteiligung am Kapp-Lüttwitz-Putsch sowie seine fortgesetzte Kolonialagitation und die Zusammenarbeit mit den Nationalsozialisten sowie seine bis zuletzt anti-demokratische Einstellung werden jetzt thematisiert. Seit der Jahrtausendwende wird das öffentliche Gedenken an Lettow-Vorbeck rückabgewickelt, allerorten werden die nach ihm benannten Straßen und Gebäude nach und nach umbenannt.
In Saarlouis ist man lange stolz auf den berühmten Sohn der Stadt, besonders zu Zeiten, in denen die Zugehörigkeit der Stadt, die eine französische Gründung ist, zu Deutschland besonders betont werden soll. 1927, als das Saargebiet unter Völkerbundmandat steht, besucht Paul von Lettow-Vorbeck zum ersten Mal seine Geburtsstadt und wird dort mit allen Ehren empfangen. In der Folge wird an seinem Geburtshaus eine Gedenktafel mit heute unbekanntem Text angebracht und eine Straße wird nach ihm benannt Die Straße verliert diesen Namen aber 1946, als das Saarland nach dem Zweiten Weltkrieg von Frankreich beherrscht wird, auch die Gedenktafel wird entfernt.
1956, kaum ist die Saarabstimmung vorüber, das Saarland aber noch nicht an die Bundesrepublik angegliedert, ernennt die Stadt Saarlouis Lettow-Vorbeck zum Ehrenbürger, benennt eine Straße und die Brücke zwischen Fraulautern und Saarlouis nach ihm. Zum Festakt kommt der Geehrte nach Saarlouis. An seinem Geburtshaus wird eine neue Gedenktafel angebracht: „Der unbesiegte ritterliche Verteidiger Deutsch Ostafrikas im Weltkriege 1914-1918 General Paul von Lettow-Vorbeck wurde am 20.3.1870 in diesem Hause geboren.“
1963, im Jahr vor seinem Tod, wird Lettow-Vorbeck zum letzten Mal im Saarlouiser Rathaus empfangen, nachdem er die Stadt in den Jahren zuvor immer wieder besucht hat, wenn er zu Jagdausflügen im Hunsrück weilt. Im gleichen Jahr wird wieder eine Straße nach ihm benannt.
Am 20. März 1970 feiert die Stadt Saarlouis den 100. Geburtstag ihres Ehrenbürgers. Im Mittelpunkt der Feierstunde im „Theater am Ring“ steht die Festrede des Bürgermeisters Dr. Manfred Henrich (SPD), der Lettow-Vorbeck wegen dessen „Ethik der Pflichterfüllung und der Hingabe an das eigene Land“ als Leitbild auch für die Gegenwart preist.
Nachdem 1992 die alte Lettow-Vorbeck-Brücke gesprengt worden ist, wird der Neubau allerdings nicht mehr nach dem General benannt.
2006 legt der Historiker Uwe Schulte-Varendorff eine gut dokumentierte kritische Biografie von Lettow-Vorbeck vor. Auf dieser Grundlage veröffentlicht die saarländische Aktion 3. Welt im folgenden Jahr eine Flugschrift mit drei Forderungen: 1. Umbenennung der nach Lettow-Vorbeck benannten Straße. 2. Eine Gedenktafel, mit der den Opfern seines Handelns Respekt gezeugt wird. 3. Aberkennung der Ehrenbürgerschaft. Zur Erläuterung heißt es, es gehe nicht darum, den Namen des Generals aus dem Stadtbild zu tilgen, sondern um eine kritische Auseinandersetzung.
2010 kommt es zu einer Reaktion der Stadt. Aus der Lettow-Vorbeck-Straße werden zwei Straßen, benannt nach den ehemaligen Bürgermeistern Walter Bloch und Hubert Schreiner, wobei es kurioserweise dieser war, der Lettow-Vorbeck seinerzeit die Ehrenbürgerschaft verliehen hat. Gleichzeitig wird die Tafel am Geburtshaus mit ihrem glorifizierenden Text durch eine neutrale ersetzt.
Wenn man von dieser Gedenktafel absieht, gibt es heute im Stadtbild von Saarlouis keine Erinnerung an den einstigen Ehrenbürger. Die Forderung nach einer Würdigung seiner Opfer bleibt unerfüllt. Im Stadtmuseum findet der Besucher kein Exponat im Zusammenhang mit Lettow-Vorbeck. Auch auf der Homepage der Stadt findet Lettow-Vorbeck keine Erwähnung – im Gegensatz zu dem anderen prominenten Militär, Napoleons Marschall Michel Ney, dessen Geburtshaus in der Bierstraße 13 nur hundert Meter von dem Lettow-Vorbecks entfernt ist. (RP)


