Thomas Altpeter
geb. 15. Mai 1957 in Saarbrücken

Foto Kerstin Krämer
Thomas Altpeter ist Kommunikationsdesigner (Fachhochschule Wiesbaden), Autor und Maler/Illustrator und gilt als prägende Persönlichkeit der Saarbrücker Stadtkultur.
Von 1987 bis 2022 war Altpeter beim Kulturamt der Landeshauptstadt Saarbrücken unter anderem für die Förderung der freien Theater-, Literatur-, Kunst- und Musikszene zuständig und hat auch als Veranstaltungskurator deren Entwicklung und Professionalisierung maßgeblich beeinflusst. Als künstlerischer Initiator und Leiter gestaltete er vor allem die „Saarbrücker Sommermusik“, eine dank freiem Eintritt bewusst niedrigschwellig konzipierte Reihe, über mehr als drei Jahrzehnte hinweg: Das von ihm 1987 gegründete Format lief unter einem jährlich wechselnden literarischen Motto und stand für eine anspruchsvolle, genreübergreifende Programmgestaltung mit Schwerpunkten auf Jazz, Kammermusik, Neuer Musik und experimentellen szenischen Projekten.
Außerdem war Altpeter während seiner Amtszeit künstlerischer Leiter des Figurentheaters „Kleines Theater im Rathaus“ sowie der Reihe „JazzZeit“. Parallel gab er geraume Jahre den Veranstaltungskalender „Kakadu“ heraus, der monatlich kulturelle Veranstaltungen für Saarbrücken und Umgebung bündelte und literarische Zeugnisse wechselnder regionaler Autorinnen und Autoren vorstellte. Dieser Kulturkalender sowie sämtliche Programmhefte wurden von ihm persönlich grafisch gestaltet, was allen Publikationen eine unverkennbare Handschrift verlieh.
Neben den schönen Künsten gilt ein weiteres Interesse Altpeters der Paläontologie, was sich thematisch ebenfalls in seinem Schaffen niederschlägt. Seine Sammelleidenschaft für Fossilien brachte seinem Zuhause in Bischmisheim (nahe der von ihm für ihre hervorragende Akustik als Veranstaltungsort sehr geschätzten Schinkelkirche) seitens eines Besuchers bereits einen scherzhaften Vergleich mit dem berühmten Senckenberg-Museum ein.
Zwischen (Alb-)Traum und Wirklichkeit
Altpeters künstlerisches Verständnis ist interdisziplinär. Sein schriftliches OEuvre ist der Fantastischen Literatur zuzurechnen und umfasst Prosa (Erzählungen, Romane), Lyrik und Dramatik. Bezeichnend für alle Genres ist eine düster-surreale, weltentrückte und märchenhafte Stimmung zwischen (Alb-)Traum und Wirklichkeit. Wiederkehrende Motive sind der Wald als rätselhafter und gefährlicher Sehnsuchtsort; allerlei seltsame, häufig der menschlichen Sprache mächtige Tiere und gespenstische Zwischenwesen (Vogel- und Molchartige, lebende Tote) sowie die Themen Amnesie und Erinnerung, der Einfluss der Vergangenheit und das Mystische im Alltag. Stilistisch wie inhaltlich weist Altpeters Werk unverkennbar dunkle romantische Bezüge auf; deutlich ist etwa der Einfluss E.T.A. Hoffmanns.
Bei seinen Gedichten, die gleichermaßen von Traum, Naturerleben und Übernatürlichem inspiriert sind, experimentiert er mit alten Formen und beschwört Vergängliches.
Altpeters Sprache ist markant und auf eigenwillige Weise antiquiert, wie aus der Zeit gefallen, und integriert heute kaum noch bekannte geschweige denn gebräuchliche Begriffe, insbesondere aus dem süddeutschen Raum. Ebenso sind dialektale Ausdrücke und Färbungen typisch, ohne dass die Handlung an konkreten realen Schauplätzen verortet wäre.
Altpeters Gespür für Rhythmik und Satzmelodie wiederum zeugt von seinem Faible für E-Musik, jazzige Improvisation und experimentelle Klänge; umgekehrt haben der Jazz-Saxofonist Wollie Kaiser und das „Ensemble Unterwegs“ bereits Gedichte und Erzählungen von ihm vertont. Ein synästhetischer Ansatz zeigt sich auch darin, dass Altpeter seine Texte konsequent selbst illustriert und auch schon eigenständige Bildwelten für Musikprojekte entwarf, so für eine CD-Produktion von Christof Thewes’ „Undertone Project“ mit einer Neuinterpretation von Modest Mussorgskys Zyklus „Bilder einer Ausstellung“.
In seiner Malerei trifft stets Gegenständlichkeit auf zeichenhafte Abstraktion, starke Farbigkeit korrespondiert mit märchenhaften, oft unheimlichen Motiven. Nach Möglichkeit erweitert Altpeter seine Lesungen entsprechend – sei es, dass die Texte durch Projektionen von Illustrationen oder verfremdeten Fotos visualisiert oder von Live-Musik begleitet und interpretatorisch erweitert werden.Eine frühe Publikation findet sich in einer Anthologie (1983) der Serie Heyne Science Fiction (& Fantasy), der von Umfang wie Qualität her wohl bedeutendsten deutschsprachigen Science-Fiction-Taschenbuch-Reihe.
„Nachtrabe“ und „Raunen“
Seit seinem Ruhestand widmet sich Thomas Altpeter intensiver seinem literarischen und künstlerischen Schaffen. 2022 veröffentlicht er die Erzählung „Nachtrabe“ im Selbstverlag und publiziert im Dezember 2025 auf gleiche Art ein umfassendes Buchprojekt mit dem Titel „Raunen“, das aus unabhängigen, aber thematisch miteinander verknüpften Geschichten besteht. In „Nachtrabe“ gerät die weibliche Hauptfigur in eine beklemmende Situation, in der sich äußere Ereignisse und innere Ängste zunehmend überlagern. Der titelgebende Vogel fungiert dabei als symbolisches Motiv für Bedrohung, Vorahnung und das Unheimliche. Die Handlung bleibt bewusst fragmentarisch und offen, wodurch eine intensive, atmosphärische Spannung erwächst.
In dem Roman „Raunen“, der überwiegend in einem fiktiven, gleichnamigen Ort in Rheinland-Pfalz spielt, hat Altpeter zur Charakterisierung diverser Dörfler erstmals ganze Passagen mit direkter Rede in Mundart integriert, was dem Geschehen eine sowohl komische wie authentische Komponente verleiht. Als weitere sprachliche Besonderheit bedienen sich andere Protagonisten einer kaum verständlichen Sprache, die mal wie das Geflüster von Wiedergängern, mal wie Vogel-Laute klingt. Dieses „Raunen“ steht sinnbildlich für das, was nicht klar benannt werden kann – für leise Bedrohungen, innere Konflikte und das Gefühl, dass sich hinter der Oberfläche mehr verbirgt. Die Kapitel leben weniger von einer linearen Handlung als von einer dichten Stimmung und psychologischen Tiefe, in der sich nach und nach ein verstörendes Gesamtbild zusammensetzt.
Kerstin Krämer