Thomas Hardy
geb. 2. Juni 1840 in Higher Bockhampton bei Dorchrester (Dorset, England), gest. 11. Jan. 1928 in Dorchester ( Dorset)
Thomas Hardy, einer der bedeutendsten Autoren des viktorianischen England, hat einen Soldaten aus Saarbrücken in den Mittelpunkt einer seiner Erzählungen gestellt. Diesen Fund verdanken wir dem Saarbrücker Arzt Dr. Walter Klein, der darüber in Nr. 15 der Zeitschrift „Eckstein“ berichtet hat, dem Organ der Geschichtswerkstatt Saarbrücken.
Thomas Hardy, Sohn eines Baumeisters aus Südwest-England, arbeitet in seiner Heimat als Kirchenrestaurator, wird aber freier Schriftsteller, nachdem er als Erzähler großen kommerziellen Erfolg hat. Seine bekanntesten Werke sind die Romane „Far from the Madding Crowd“ (1874), „Tess of the d’Ubervilles“ (1891) und „Jude the Obscure“ (1895) sowie die Erzählungen der „Wessex-Tales“ (1889). Später ist er auch als Lyriker erfolgreich.
Die Kurzgeschichte „The Melancholy Hussar of the German League“ hat Hardy zuerst 1890 in einer Zeitschrift und danach mehrmals an anderen Orten veröffentlicht, namentlich in „Life’s Little Ironies“ (1894) und in der Ausgabe seiner „Wessex Tales“ von 1912, die in seiner Heimat Dorset in Südwest-England spielen. Hintergrund ist die Epoche der napoleonischen Kriege, als man eine französische Invasion befürchtete.
Der melancholische Husar aus Saarbrücken
Der Erzähler gibt vor, die Geschichte vormals sozusagen aus erster Hand von einer alten Frau namens Phyllis Grove gehört zu haben. Als junge Frau ist sie mit einem Engländer namens Humphrey Gould verlobt. Während dieser den Hochzeitstermin immer weiter hinausschiebt, lernt Phyllis einen in der Nähe stationierten Angehörigen der German League kennen, den aus Saarbrücken stammenden Husaren Mathäus Tina. Das ganze Regiment ist von einer schrecklichen Melancholie, einem chronischen Heimweh durchdrungen („pervaded by a dreadful melancholy, a chronic home-sickness“), bei Tina dadurch verstärkt, dass er seine Mutter einsam und allein in Saarbrücken weiß. Phyllis ist davon überzeugt, dass es in den rein englischen Regimentern keinen so feinen und wohlerzogenen Mann gibt wie ihn, für sie ist der fremde Soldat fast ein ideales Wesen und – vorläufig – nur ein berückender Traum, und nicht mehr.
Als aber das Gerücht zu Phyllis dringt, ihr Verlobter fühle sich nicht mehr an sein Versprechen gebunden, fühlt auch sie sich frei, ihr Herz neu zu verschenken. Währenddessen erzählt der Husar ihr interessante Einzelheiten von seinem Geburtsort Saarbrücken und Erlebnissen aus seiner Kindheit – wir hätten natürlich gerne Näheres gewusst, aber leider belässt der Erzähler es bei dieser allgemeinen Formulierung.
Eines Tages macht der Husar ihr einen Heiratsantrag (er nennt sie im englischen Original „meine Liebliche“), aber da sie beide wissen, dass Phyllis’s Vater dieser Vermählung nie zustimmen wird, macht der Husar ihr einen Vorschlag: dass er desertieren und aus England fliehen wird, dass sie mit ihm in sein Land geht, dort seine Frau wird und mit seiner Mutter und ihm lebt. „My country is by the Saar, and is at peace with France, and if I were once in it I should be free“ („Meine Heimat ist an der Saar, und sie lebt in Frieden mit Frankreich, und dort kann ich frei leben“).
Phyllis willigt ein, sie verabreden sich für die darauffolgende Nacht, ein Kamerad von Tina aus dem Elsass wird am Hafen mit einem Boot auf sie warten und sie über den Kanal an die französische Küste rudern. Die Sache geht tragisch aus: Phyllis missversteht eine Äußerung ihres Verlobten, der in Wahrheit schon eine andere geheiratet hat, so, als wolle er nun doch sein Eheversprechen ihr gegenüber wahrmachen, und geht nicht zum verabredeten Treffpunkt mit dem Deutschen. Und die Flucht von Matthäus Tina und seinem Kameraden misslingt, sie werden aufgegriffen und als Deserteure hingerichtet. Phyllis stirbt als schrullige alte, unverheiratete Frau.
Eine wahre Begebenheit?
Walter Klein belässt es bei seinem Aufsatz in „Eckstein“ nicht bei der bloßen Entdeckung dieser Erwähnung Saarbrückens in einem Stück Weltliteratur. Ihn interessiert auch die Frage nach dem historischen Kern der Geschichte vom melancholischen Husaren aus Saarbrücken. Belege dafür, dass der Story eine wahre Begebenheit zugrunde liegt, findet er sowohl in Notizen von Thomas Hardy als auch in Kirchenbüchern aus Dorset. Was die Identität von Matthäus Tina angeht, enthalten die Saarbrücker Kirchenbücher keinen sicheren Hinweis auf die Geburt eines Jungen dieses Namens; wenn man Schwierigkeiten bei der Transkription des Namens ins Englische mit einbezieht, könnte es sich um einen Matthias Diener handeln. Tatsächlich lebte im damals noch selbständigen St. Arnual in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine weitverzweigte Familie Diener, von welcher undser Matthäus hätte abstammen können, lässt sich allerdings nicht klären.
Aber wie kamen ein Saarländer und ein Elsässer in die englische Armee? Die Geschichte ist etwas kompliziert, es hängt, kurz gesagt, damit zusammen, dass der englische König Georg III. in Personalunion Kurfürst von Hannover war und in England aus den Überresten einer hannoveranischen Truppe das sogenannte Yorker Husarenregiment gebildet worden war (von Hardy fälschlich als „Königlich Deutsche Legion“ bezeichnet), der sich alle kontinentaleuropäischen Männer anschließen konnten, um gegen Napoleon zu kämpfen.
Walter Klein geht auch der Frage nach, ob Thomas Hardy über die Bekanntschaft mit dem Namen der Stadt in den englischen Kirchenbüchern hinaus ein weiteres Interesse an Saarbrücken gehabt, ob er die Stadt etwa von einem Besuch her gekannt haben könnte. Möglich wäre dies gewesen im Rahmen einer Reise im Jahr 1876, als er über den Rhein per Schiff von Rotterdam nach Straßburg und von dort per Zug über Metz und Brüssel nach Waterloo fuhr, um das Schlachtfeld zu besichtigen. Zumindest kam er nah an Saarbrücken vorbei und hatte vielleicht einige Jahre später bei der Niederschrift der Geschichte die Gegend, in der sein melancholischer Husar in seiner Kindheit und Jugend gelebt hatte, noch vor Augen. (RP)