Simon Werle

geb. 13.Juni 1957 in Freisen

PortäbildNeuübertragungen von Baudelaires „Blumen des Bösen“ und „Der Spleen von Paris“ (2017 und 2019 bei Rowohlt erschienen) machen Simon Werle als Übersetzer bekannt. Dabei ist er nicht nur Übersetzer, sondern auch Autor. Und man wird ihm auch keineswegs gerecht, wenn man ihn auf die Gattung Lyrik reduziert. Eine mindestens ebenso zentrale Rolle – sowohl für den Autor wie für den Übersetzer – spielt in seiner Arbeit seit vier Jahrzehnten das Theater.

1957 in Freisen geboren, besucht er das Arnold-Janssen-Gymnasium in St. Wendel (früher: Missionshaus der Steyler Missionare), wo er 1977 das Abitur macht. Anschließend studiert er Romanistik und Philosophie in München und ein Jahr in Paris. Seit 1983 publiziert er literarische Texte; dabei steht er von Anfang an in der Doppelrolle des Autors und des Übersetzers. München, die Stadt des Volkstheaters, der Kammerspiele, der Schauburg, des Residenztheaters und der vielen anderen staatlichen und freien Bühnen ist bis heute sein Lebensmittelpunkt.

Der Autor Simon Werle

In der zweiten Hälfte der 80er Jahre erscheinen im Kirchheim-Verlag, München, die ersten Erzählbände: „Grundriss der Entfernung“ (1986) und „Proxima Centauri“ (1988). Es folgen die längeren Erzählungen „Die Eroberung der Luft“ (Verlag Antje Kunstmann, München, 1991) und „Abendregen“ (ebenda, 1999), bevor der Autor 2003 seinen ersten großen Roman, „Der Schnee der Jahre“ (Nagel & Kimche im Hanser-Verlag, 443 Seiten), vorlegt. Darin erzählt er die Geschichte einer Familie vor und nach dem Zweiten Weltkrieg im Hochwald-Dorf Hainitz (d.i. Werles Geburtsort → Freisen) am Südrand des Hunsrücks. Der Roman wird im Erscheinungsjahr mit dem Münchner Tukan-Preis ausgezeichnet; die Jury nennt ihn „eine poetische Enklave, die im Provinziellen das Allgemeine, im Anachronistischen das Geschichtliche erfasst.“

Für einen weiteren Erzählband und einen fertigen Roman (Thema: die Lebensgeschichte einer magersüchtigen Frau) sucht der Autor derzeit (Stand Ende 2020) einen Verlag.

Simon Werle schreibt aber nicht nur Prosa. Er verfasst auch Libretti („Parabel Parzifal“, UA: Stadttheater Gießen, 1999. Regie: Christian Marten-Molnar) und Theaterstücke. Sein erstes Stück, „Der Weichselzopf“, angesiedelt zwischen Krimi und Liebesgeschichte, erzählt von den beiden jugendlichen Außenseitern Jale und Juan, die sich in der kalten Realität unserer Welt ihre eigene Wirklichkeit und Sprache erfinden – wie im Märchen. Der Text erscheint 1994 im Frankfurter Verlag der Autoren und wird im Jahr 2000 in Krefeld und Mönchengladbach unter der Leitung von Bernarda Horres uraufgeführt.

1996 erscheinen „Hillside Avenue“ („ein Stück um Lebensangst und Pseudoreligiosität, um die Vermengung von Gott- und Partnersuche und um die Konflikte einer kleinen Gemeinschaft auf Realitätsflucht“ – Verlag der Autoren), „Das Blut des Falken“, die Geschichte eines Vater-Tochter-Konflikts, 2006 unter der Regie von Katharina Rupp auf den Städtischen Bühnen Münster uraufgeführt; sowie „Die Invasion“, das einen historischen Stoff mit aktuellen Ereignissen verbindet und so bereits auf einen Schwerpunkt im Schaffen des Autors verweist: den Mythos.

Werles Affinität zu Mythen der klassischen Antike klingt bereits in seinem ersten Erzählband, „Grundriss der Entfernung“ an und manifestiert sich in den folgenden Jahren in Stücken wie „Sokrates‘ Schweigen“ (2004), „Antigones Hände“ (2007) oder „Medeas Söhne“ (2011). Zu letzterem Drama heißt es: „In seiner Medea-Adaption geht Simon Werle zurück auf Elemente des Mythos, die auch bei Euripides ausgespart bleiben. So treibt er den Stoff über das herkömmliche Drama um Eifersucht und Rache hinaus. Der eher heutigen Diktion kontrastiert das mythisch grundierte Geschehen. So gelingt es Werle, Mythos und Moderne zusammen zu führen.“ (Verlag der Autoren).

2014 fasst Simon Werle acht Stücke „im antiken Kontext“ zusammen, Titel: „Mythen, Mutanten“. Nur eines dieser Werke, „Melos. Die Invasion“, eine „höchst gegenwärtige, bitterböse Abrechnung mit der Gewalttätigkeit der ‚enkratischen‘ Sprache, der Sprache im Umkreis der Macht, die Gewalt, Betrug und Erpressung in ausgefeilt argumentative Rhetorik kleidet“ (Hans-Thies Lehmann) ist bisher aufgeführt worden (UA: Theater Bielefeld, 17.4.2003. Regie: Kirsten Uttendorf). Viele Bühnen lehnen Werles Texte als „sperrig, komplex“ ab; sie „setzten Bildung voraus… im heutigen Theater sei die Auseinandersetzung mit Mythen brachialer, vordergründiger geworden“; Werles Ansatz dagegen sei ‚“zu den Mythen hinzugehen, zu ihrer Tiefe‘.“ (Süddeutsche Zeitung, 13.01.20)

Werle hat den Begriff Mythos einmal umschrieben als „der Strand, wo das Unbewusste seine Wellen mächtig anspült.“ Der Mythos ist nicht eindeutig, er ist vielmehr offen für Interpretation und Assoziation, für viele (eigene) Sichtweisen. Und er lädt ein zum Weiterdichten, Fortschreiben.

Der Übersetzer Simon Werle

Mit Mythen eines ganz anderen Kulturkreises setzt sich Simon Werle schon in den 1980er Jahren auseinander. Als Übersetzer. 1984 und 85 erscheinen seine deutschen Fassungen von zwei Büchern des Autors Adolf Hungry Wolf. Der 1944 in Deutschland als Adolf Gutöhrlein geborene Autor lebte lange bei den Blackfoot Indianern Nordamerikas und engagierte sich für die Popularisierung ihrer Kultur. Seine Bücher sind dem Genre „Jugendliteratur“ zuzurechnen.

In die frühe Phase von Werles übersetzerischer Tätigkeit fallen unterschiedlichste Auftragsarbeiten.1985 überträgt er Jean Rhys‘ „Voyage in the Dark“ („Irrfahrt im Dunkel“, Rogner & Bernhard, München). Übertragungen aus dem Englischen finden sich bei Werle übrigens eher selten. Erwähnenswert ist sicher noch seine Bearbeitung des Gedichtbands „Handschrift“ von Michael Ondaatje (Carl Hanser, München, 2001). Vom französischen Autor Alfred Jarry übersetzt er 1985 den Roman „Die absolute Liebe“ (Verlag Klaus Renner, München) und die komische Oper „Leda“ – womit er wieder bei einem Mythos der Antike angekommen ist. Jugendbuch, Roman, Lyrikband, Libretto – die sorgfältig ausgeführten Auftragsarbeiten legen das Fundament für Werles finanzielle Unabhängigkeit und damit die Voraussetzung, seinen eigentlichen Neigungen nachgehen zu können.

Werle sieht sich primär als „Theater-Übersetzer“. Rückblickend sagt er: „Das Theater hatte mir die Möglichkeit gegeben, dass ich bei älteren Texten gestalterisch eingreifen konnte.“ (Gespräch vom November 2020). Ältere Texte – das waren zunächst fünf Stücke des französischen Dramatikers Jean Racine (1639 – 1699), darunter „Phädra“ (Verlag der Autoren, Frankfurt, 1986). Das Stück, das im deutschsprachigen Raum als „nahezu unübersetzbar und unaufführbar“ gilt, erlebt an den Münchner Kammerspielen einen großen Erfolg, der Autor Racine wird als (Wieder-)Entdeckung gefeiert und sein Übersetzer Simon Werle mehrfach ausgezeichnet (u.a. Paul Celan-Preis 1988, Johann-Heinrich Voss-Preis 1992). Die „Süddeutsche Zeitung“ schreibt: „Für seine Übertragungen müsste man ihm die Versfüße küssen.“ Genau darin liegt ein großes Verdienst Werles: in der Wiederbelebung vergessener Theatertexte aus – wie er selbst sagt – „reiner Entdeckerfreude.“ Nicht die aus Beobachtung der gegenwärtigen Literaturszene resultierende Entdeckung neuer Strömungen und Trends, nicht die Entdeckung noch unerforschter ethnischer Literaturen, sondern das rückwärtsgewandte Entdecken oder Wieder-ins-Bewusstsein-Rufen, vor dem Vergessen bewahren, das ist Werles Ziel. Verbunden mit dem Wunsch, bereits Bestehendes besser zu machen. Es entstehen neue Übertragungen von Pierre de Marivaux, Alfred de Musset, Voltaire.

Selbst im Oeuvre des populären Jean-Baptist Poquelin, alias Molière, gelingt es Werle, frühe Stücke „auszugraben“, sie umzuarbeiten und zu aktualisieren, allen voran „Der Arzt wider Willen“ („Le médecin malgré lui“ von 1666) und „Sganarelle oder Die eingebildete Kränkung“ („Sganarelle ou Le Cocu imaginaire“ von 1660). „Man muss eine merkwürdige Legierung herstellen, eine gewisse Patina, die nicht nachgemacht, sondern einigermaßen wie eine zweite Natur wirkt“, erklärt Werle.

Aber auch zeitgenössischen (französischen) Autoren gilt sein Interesse. 1986 entdeckt Simon Werle den in Frankreich bekannten, in Deutschland noch eher wenig gespielten → Bernard-Marie Koltès. Dessen „bildstarke, komplexe Rhetorik“ fasziniert ihn. Stücke wie „In der Einsamkeit der Baumwollfelder“ sind für ihn “reines Sprech- und Sprachtheater … von hoher Aktualität.“ Aber die vorliegenden deutschen Fassungen findet er „wirklich unbefriedigend.“ Zwischen 1986 und 2003 legt Werle neue Übertragungen von acht Stücken des Autors vor, der ihm „sehr wichtig und auch sehr nah“ ist.

Die Freiräume der Gestaltung und das Vergnügen, „Verse zu bauen“ assoziiert Simon Werle mit dem Theater. Sein zweites Arbeitsfeld bietet weit weniger Freiheit und fordert viel mehr Disziplin, Verzicht und Formstrenge. In der Übertragung von Lyrik sieht er die größte „Herausforderung an die eigene formale Könnerschaft.“ 2017 wird Werle mit dem Eugen Helmlé-Preis, 2020 mit dem Paul Scheerbart-Preis für seine Baudelaire-Übertragungen geehrt („Die Blumen des Bösen“ und „Der Spleen von Paris“, beide Rowohlt, Hamburg).

Baudelaires Bedeutung ist unstrittig. Die 1857 veröffentlichten (und verunglimpften) Gedichte sind bis heute immer wieder neu übertragen und bearbeitet worden, zigfach. Warum also noch eine Übersetzung ins Deutsche? Nicht aus eigenem Antrieb – Rowohlt-Lektor Kristian Wachinger hatte den Gedanken an Werle herangetragen – und alles andere als spontan, dafür aber in der Gewissheit, dass er die Texte, die er als junger Mann erstmals gelesen hatte, heute „mit dreißig Jahren Berufs- und Lebenserfahrung“ betrachten und so „dem Original in Rhythmus, Metrum und Reim näher kommen“ kann, „als es bisher passiert ist.“ Und über die „intensive Neuübersetzung“ des „Spleen von Paris“ schreibt Nico Bleutge: Werle „gibt Baudelaire noch in der elegantesten Formulierung etwas von seiner Brüchigkeit und Sperrigkeit zurück“ („Süddeutsche Zeitung“, 05.03.2020).
Peter Kruchten