Edith Braun

geb. als Edith Herrmann am 7. August 1921 in Saarbrücken-Malstatt, gest. 14. Okt. 2016 in Saarbrücken-Dudweiler

Foto von der Autorin auf dem Sofa

Foto: Oliver Dietze

Sprachwissenschaftlerin, die Fachfrau für saarländische Mundarten, Autorin.

1940 Abitur am Augusta-Viktoria-Lyzeum in Saarbrücken, Studium der Rechtswissenschaften in München, ab 1944 in Prag. Verpflichtung zum Schwesterndienst in Lazarett, in tschechischer, dann sowjetischer Gefangenschaft, 1945 Flucht aus Prag. Ab 1946 in Saarbrücken, 1947 Ehe mit Alfred Braun (gestorben 1976), eine Tochter.

Zu den Sprachen findet sie, als sie sich nach der Familienphase zum Studium entschließt, nicht wieder die Verlegenheitslösung Jura. Dem Diplom in Englisch und Russisch folgen Slawistik, Germanistik und 1988 die Phonetik-Promotion zu Homonymen der Saarbrücker Mundart.

Vorangegangen war die Einladung des Schweizer Phonetikers Prof. Max Mangold (seit 1957 Universität des Saarlandes), als „Muttersprachlerin“ am Saarbrücker Wörterbuch mitzuwirken. Es erscheint 1984, erstmals in diesem Sprachraum mit dem Versuch – um den Preis stark von der Schriftsprache abweichender Zeichenfolgen und Wortbilder– konsequent lautnaher Verschriftung. Aus derselben Datenbasis gehen das „Saarbrücker Homonym-Wörterbuch“ (1989) und Mangolds „Saarbrücker rückläufiges Wörterbuch“ (1986) hervor.

Bei Vorarbeiten zum Wörterbuch entstehende Kontakte zum Saarländischen Rundfunk ebnen den Weg zur ab 1984 gesendeten heiter-informativen Sprachkunde „Saarbrücker Mundart-Lektionen“. Edith Brauns Texte dazu erscheinen 1986 in Buchform.

Hilfestellung leistet Edith Braun für weitere – um Geschichten und Themen wie Brauchtum ergänzte – Wörterbücher (Hostenbach 1994, Lebach 1994/95, Werschweiler 1997, St. Ingbert 1997, Saarlouis 1999, Quierschied 2002).

Der erste zu ermittelnde literarische Text „Salü Saarbrück“ entsteht 1981 bei der 3. Saarbrücker Literaturwerkstatt des VS-Landesverbandes, dokumentiert im dazu veröffentlichten Buch „Ich lebe in dieser Stadt”.

Auch ihre journalistische Tätigkeit beginnt 1981 beim saarländischen evangelischen Wochenblatt Sonntagsgruß. Als Juliane Herrmann übersetzt sie hier Bibeltexte in ihre Mundart, amtskirchliche Schelte als „schmutzige Sprache“ beendet das Vorhaben. Sie sieht in der Schmähung der Sprache eine Geringschätzung der Menschen, die diese Mundart sprechen.

Konfliktarme Übersetzungen bzw. Nachdichtungen machen aber in den Folgejahren einen erheblichen Teil ihrer Arbeit aus.

Genannt sei „De Bäärwadds“, ein Hörspiel für SR 3 Saarlandwelle nach Tschechows „Der Bär“. Das Amateurtheater Gruppe 63 führt ihre Teilübertragung von Hoffmannsthals Jedermann auf, ungespielt bleibt „Das große Welttheater“ nach Calderón de la Barca.

Als Buch erscheint 1983 ihre erste Ausgabe von Max und Moritz, 1984 gefolgt vom Saarbrigger Schdruwwelpeeder. Aus eigener Feder stammt die Spielerei „niggs niggs niggs wie Limeriggs“. Aus dem Tagebuch einer Russland-Reise wird 1992 das Buch „Rußland in Rußland suchen“ (Der Titel bezieht sich auf Jewtuschenkos Gedicht „Rußland hat Rußland in Rußland verloren …“).

Bei SR3 nimmt inzwischen nach Brauns Konzept die Mundart­werk­statt Gestalt an. Unter ihrer Leitung tragen Hörer, auch in über 40 öffentlichen „Mundarttreffs“, zusammen, was von Mundarten (Wörter und Anwendungsbeispiele) im Sendegebiet zu dokumentieren ist, beginnend mit Ortsnecknamen und dem Buch „Necknamen der Saar und drum herum” (1991).

Zum Thema „Essen und Trinken“ folgt 1995 in Zusammenarbeit mit der Phonetikerin Dr. Anna Peetz „Hasenbrot und Gänsewein“. Zwei Bücher „Gudd gesaad“ entstehen aus Projekt Nr. 3 um Sprüche und Redensarten.

Als mundartliterarische Jurorin wirkt Edith Braun im Saarländischen Mundartwettbewerb und ab 1993 beim Pfälzischen Mundartdichterwettstreit Bockenheim.

Eigenes bringt 1995 ihr Buch „Schaff ebbes – Gedichte und Geschichten“. Beobachtungen aus dem Leben (oft ihrem eigenen), lächelnd verspielt, sprachspielerischer Nonsens, Ironisches, u.U. gewürzt mit grimmigem Humor, aber auch melancholische Betrachtungen.

„Unsere Mundart“ heißt ab 1996 ihre Rubrik bei der Saarbrücker Zeitung als Nachfolgerin „Wortmanns“. Ihr Leitbild: Mundart ist ein wichtiges kulturelles Erbe. Ihren reichen Schatz an Wörtern und Sprüchen gilt es zu bewahren und weiterzugeben.

Ab 1998 Jahre schränkt der SR sein Mundartangebot erheblich ein. Nach 20 Jahren endet der Mundartwettbewerb und die (seit 1992) jährlichen Mundarttage werden nicht fortgesetzt. 1999 wird auch die Mundartwerkstatt eingestellt, die letzten Bücher „Hasenbrot und Gänsewein” (Essen und Trinken) sowie „Gudd gesaad, Sprüche und Redensarten“ beenden die enge Verbindung zum SR.

„Gedichte bunt gemischt“ heißt 1998 ihr Buch mit Nachdichtungen zu Goethe und Heine, Claudius, Storm und Hebel, aber auch Stefan George und Hugo von Hoffmannsthal, La Fontaine und Emily Dickinson, russische und georgische Texte sowie Volkspoesie.

Weitere Übersetzungen erscheinen im Rahmen umfangreicher Reihen als ihre Saar-Variante, so z.B. „Der kleine Prinz“ oder zwei Asterix Bände, gemeinsam erarbeitet mit Karin Peter  und Horst Lang.

U.a. auch zur Förderung der Mundartliteratur gründet sie 2001 gemeinsam mit Peter Eckert den Mundartring Saar, dessen vierteljährliche Mundartpost Saar Texte regionaler Mundartautoren vorstellt. Mit „Wäär gaggerd, muss aach lee’e – Gedichte, Geschichten, Erinnerungen in saarländischen Mundarten“ legt der Verein die bislang umfangreichste einschlägige Anthologie vor; der Redaktion gehört auch Edith Braun an.

Eine Podiumsdiskussion des Mundartrings, an der Friedhelm Fiedler, Chefredakteur der Saarbrücker Zeitung, teilnimmt, ergibt ab Juni 2005 eine im Turnus von sechs Autorinnen und Autoren bediente wöchentliche Mundart-Kolumne. Ihren Platz reicht Edith Braun 2010 an ihre Tochter Evelyn Treib weiter.

Mit „Geheim­sache Max und Moritz“ stellt Edith Braun 2005 ihre These vor, Wilhelm Busch habe im scheinbaren Kinderbuch eine satirische Ausein­an­dersetzung mit der 1848er Revolution versteckt. Soweit erkennbar, findet eine Auseinandersetzung der Fachwelt mit ihrer Theorie nicht statt.

Mit Tochter Evelyn Treib verfasst sie 2007 das erweiterte Necknamen-Buch als „Necknamen und Schimpfnamen saarländischer Orte“ und 2008 „Keine Fisimatenten“ über französische Wörter in saarländischen Mundarten.

In „Em Leensche sei Hochdseidsnaachd unn annere Geschischde“ (2010) fasst sie u.a. ihre SZ-Mundartglossen zusammen. Aus dem Nachlass kommt 2016 „Nikolaus und Himmelsgeiß“.

Zuvor präsentiert sie 2015 mit „In Alters Frische – Erlebtes und Erdichtetes aus neun Jahrzehnten meines Lebens“ eine Art Vermächtnis.“

Edith Brauns Verdienste werden durch Auszeichnungen gewürdigt: Auf Vorschlag der Bosener Gruppe, erhält sie 2006 das Bundesverdienstkreuz am Bande für „ihre langjährigen und vielfältig erbrachten publizistischen und wissenschaftlichen Leistungen zur Pflege der Mundarten der Saargegend“. Der Preis der Emichsburg folgt in Würdigung „besonderer Verdienste um Mundart, Dialektliteratur und regionale Kultur“.

Beobachter sehen bei Edith Braun die Gewährsfrau für die Vereinbarkeit von Hochdeutsch (ihrer vorrangigen Alltagssprache) und (sogar mit wissenschaftlichem Hintergrund) Freude an der Mundart als bewahrens­wertes Kulturgut. Sie selbst befürchtete, der Respekt, der ihr begegne, gelte eher ihr als Person, ihrem Alter, ihrer Rührigkeit und Beharrlichkeit als der Sache selbst.

Den literarischen Nachlass Edith Brauns übergeben die Erben 2017 dem Literaturarchiv Saar-Lor-Lux-Elsass, in Saarbrücken bereits vorhandene Werke aus ihrer Mundart-Bibliothek ergänzen die Sammlung Mundartgesellschaft Württemberg. (RP)

Schaff ebbes!

Huggsche schunn widder am Kombjuuder, mei Maad?
De ganse Daa bische aam Schreiwe.
Wie ofd hann isch der nidd schunn gesaad,
Loss das doch äämò bleiwe!
Heer uff! Geschrieb hasche meh wie genuch.
Verderbschd der die Aue unn verdiensch niggs debei.
Die meischde Leid hann jò aa schunn e Buuch,
Unn mansche die hann soogaar dswei,
Die duun sisch doch nidd noch e driddes kaafe.
Also, heer uff mid der dumm Schreiwerei
Unn duu endlisch mò ebbes schaffe!

 Bei Lesungen erklärte sie, so höre sie beim Arbeiten die Stimme ihres Vaters, der für das, was sie tat, mit Sicherheit kein Verständnis aufgebracht habe.

 

Mei Drääm fer die Naachd

Graad wie isch so scheen aam Inschlòòfe binn,
Dò hann isch se bläddslisch vòòraamer gesiehn –
Umm Blimmo dòò leie se,
Mei Drääm
Fer die Naachd.

Se sinn uffme Moondschdrahl eringeflòò kumm,
Isch siehnse im Halbschlòòf nuur blass unn verschwumm
Unn heer, wie se pischbere,
Mei Drääm
Fer die Naachd.

Se schlubbe enuff uff mei Schlummerroll
Unn waarde druff, dass isch se inpagge soll,
Gans ruisch duun se òòdme,
Mei Drääm
Fer die Naachd.

Ich dengge schaarf nòò unn reib mer die Aue:
Wie duud mer sei Drääm dann debeschd verschdaue?
Wie wigglisch se in,
Mei Drääm
Fer die Naachd?

Isch hadd noch kä bassendi Andword gefunn,
Dò waare se furd – vun der Bildfläsch verschwunn,
Unn isch gloggehell wach,
Ohne Drääm
Fer die Naachd.

De Dood halld freindlisch aan


nach: Because I could not stop for Death von Emily Dickinson

De Dood halld freindlich aan fer misch,
Weil isch nidd halle konnd –
In seiner Kuddsch nuur äär unn isch –
Unn die Unschderblischkääd.

Mer fahre langsamm – s eild em nidd,
Unn isch hann weggeleed
Mei Aarwed unn mei Miesischgang
Fòòr sei Gefällischkääd. –

Vòòrbei am Schuulhoof, graad iss Paus,
Die Kinner hobbse rum,
Vòòrbei am Feld, vòòrbei am Wald,
An der singgend Sunn vorbei –

Nää – sie vòòrbei aan uns.
De Tau soo kald – es schudderd misch,
Weil nuure schbinnweebfein mei Glääd
Mei Pellerien – nuur Till –

Mer halle vòòr me Haus – es scheind
E Huwwel nuur se sinn,
S Gesims das schdeggd im Boddem drin,
Es Dach iss kaum se siehn –