Willi Graf

geb. 2. Jan. 1918 in Kuchenheim, gest. 12. Okt. 1943 München-Stadelheim

Foto: BayHStA NL Graf Willi Nr. 132

Foto: BayHStA NL Graf Willi Nr. 132

Wilhelm Graf wurde am 2. Januar 1918 in Kuchenheim im Kreis Euskirchen geboren. 1922 ziehen die Eltern, – der Kaufmann Gerhard Graf und seine Frau Anna geb. Gölden, – mit Sohn Willi und den Töchtern Mathilde und Anneliese nach Saarbrücken. Gerhard Graf bewirtschaftet den Johannishof in der Mainzerstraße, wo die Familie auch wohnt. Ab 1928 besucht Willi Graf das Ludwigsgymnasium in Saarbrücken. 1929 wird er aktiv im katholischen Schülerbund Neudeutschland (ND), ab 1933 als Fähnleinführer. 1934 findet er Anschluss an den Grauen Orden, einen Zusammenschluss katholischer Jugendbewegter im Angesicht zunehmender Unterdrückung und Gleichschaltung der Jugendverbände durch das NS-System. Nach 1935 werden die Organisationen der bündischen Jugend und die konfessionellen Jugendverbände auch im Saarland in ihren Aktivitäten stark eingeschränkt, dann ganz verboten und aufgelöst. Der Hitlerjugend verweigert sich Willi Graf  konsequent.

Johannishof, Mainzer Straße

Johannishof, Mainzer Straße

Nach dem Abitur an Ostern 1937 und sechs Pflicht-Monaten beim Reichsarbeitsdienst in Dillingen beginnt er im November 1937 ein Medizinstudium in Bonn. Vom 22. Januar bis 5. Februar 1938 wird er in Gestapo-Haft genommen unter der Beschuldigung, an Gruppenfahrten, Treffen und Lagern der illegalen katholischen Jugendbünde und des Grauen Ordens teilgenommen zu haben. Die Hauptverhandlung vor dem Sondergericht Mannheim gegen ihn und siebzehn Kameraden aus dem Grauen Orden am 21. April 1938 entfällt jedoch. Eine Amnestie, die nach dem „Anschluss“ Österreichs am 12. März 1938 an das Deutsche Reich ausgesprochen worden ist, bewahrt sie vor einer Verurteilung.

Im Krieg                                                                                                                   

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wird die Universität Bonn geschlossen; Willi Graf wechselt nach München, um dort sein Studium fortzusetzen. Im Januar 1940 wird er eingezogen und zum Sanitäter ausgebildet. Ab September 1940 ist er als Sanitätsunteroffizier im Kriegseinsatz; zunächst in Belgien und Frankreich, dann in Jugoslawien und in Polen, ab 22. Juni 1941 in der Sowjetunion. Im April 1942 wird er zur Fortsetzung seines Medizinstudiums zur 2. Studentenkompanie in München beurlaubt. Er geht zur Uni, hört Konzerte, nimmt Fechtunterricht , singt im Bach-Chor, liest viel, schreibt Briefe. Im Juni und Juli bringen Hans Scholl und Alexander Schmorell die ersten vier Flugblätter der Weißen Rose in  Umlauf.  Am 13. Juni 1942 notiert Willi Graf in sein Tagebuch: „Gespräch mit Hans Scholl. Hoffentlich komme ich öfter mit ihm zusammen.[1] In dieser Zeit beginnt Willi Graf, Vorlesungen bei Prof. Kurt Huber zu hören, der beim Verfassen der Flugblätter eine wichtige Rolle spielt.

Am 23. Juli 1942 brechen Willi Graf, Hans Scholl, Alexander Schmorell , Hubert Furtwängler und Raimund Samüller als Hilfsärzte zur Feldfamulatur an die Ostfront auf. Der Wehrmachts-Transport führt sie nach Wjasma und von dort nach Gshatsk westlich vor Moskau. Die Erfahrungen während dieses Einsatzes überzeugen auch Willi Graf davon, dass dieser Krieg durch Widerstand beendet werden müsse.

Am 6. November 1942 sind die Freunde wieder in München. Willi Graf setzt sein Studium fort, pflegt Kontakte mit den Freunden vom Grauen Orden in der Siegfriedstraße 18, widmet sich mit ihnen der Bibelarbeit und Liturgie-Gestaltung, findet aber keine Unterstützung mit seinen Widerstandsideen. Gleichzeitig schließt er sich dem Kreis um Hans und Sophie Scholl, Alexander Schmorell, Christoph Probst und Prof. Kurt Huber an, der unter dem Namen „Weiße Rose“ bekannt geworden ist.

Das fünfte Flugblatt

Während des Weihnachtsurlaubs in Saarbrücken vom 21. Dezember 1942 bis 6. Januar 1943 berät sich Willi Graf mit Freunden, u.a. den Brüdern Heinz und Willi Bollinger, über einen Widerstand gegen das NS-Regime. Zurück in München, notiert er am 13. Januar 1943 in sein Tagebuch: „Besuch bei Hans, auch am Abend bin ich noch dort, wir beginnen wirklich mit der Arbeit, der Stein kommt ins Rollen.“ [2] Es geht um die Arbeit am fünften Flugblatt der Münchener Widerstandsgruppe. Es soll die Deutschen wachrütteln, um sich gegen das NS-Regime zu erheben. Restlos sicher ist sich Willi Graf nicht, aber er hat sich entschieden. Am 14. Januar 1943 schreibt er ins Tagebuch: „Viel Zeit geht damit vorbei, daß ich mich mit dem Plan beschäftige. Ob das der richtige Weg ist? Manchmal glaube ich es sicher, manchmal zweifle ich daran.  Aber trotzdem nehme ich es auf mich, wenn es auch noch so beschwerlich ist.[3]

Letzte Reise ins Saarland                                                                            

Willi Graf soll helfen, die Widerstandsaktivitäten über München hinaus zu tragen; er verspricht sich etwas von seinen Kontakten zu bündischen und katholischen Kreisen in West- und Südwestdeutschland. Vom 20. bis 24. Januar 1943 unternimmt er eine Tour nach Köln, Bonn, Saarbrücken, Freiburg und Ulm, um unter seinen Freunden Mitstreiter zu gewinnen. In einem Koffer transportiert er Exemplare des fünften Flugblattes und einen zerlegbaren Vervielfältigungsapparat. Den Apparat und ein Flugblatt übergibt er am 22. Januar 1943 Willi Bollinger (1919 – 1975), ein weiteres Flugblatt in Ulm an seinen Bruder Heinz Bollinger. Die Tour endet ernüchternd: Bis auf wenige – Rudi Alt, Helmut Bauer und die Bollinger-Brüder – wollen sich die Angesprochenen nicht anschließen.  Das fünfte Flugblatt wird am 28. Januar 1943 in München vervielfältigt und per Postversand in Umlauf gebracht. Als  am 31. Januar 1943 Hitlers 6. Armee in Stalingrad kapituliert, ist das für Willi Graf und seine MitstreiterInnen „eine Nachricht von großer Bedeutung“.[4] Unter dem Eindruck dieser Nachricht, so denken sie, wird das deutsche Volk bereit sein, sich gegen das verbrecherische Nazi-Regime zu erheben. Am 3., 8. und 15. Februar 1943 malt die Gruppe Antihitler- und Freiheitsparolen an Hauswände in der Münchener Innenstadt; am 15. Februar 1943 wird das sechste Flugblatt vervielfältigt und in Umlauf gebracht.

Verhaftung, Verurteilung, Hinrichtung               

Foto: BayHStA NL Graf Willi Nr. 136 Bundesarchiv 2

Foto: BayHStA NL Graf Willi Nr. 136 Bundesarchiv 2

Beim Auslegen dieses Flugblattes in der Uni München werden Hans und Sophie Scholl am 18. Februar 1943 festgenommen. Am späten Abend des 18. Februar werden auch Willi Graf und seine Schwester Anneliese verhaftet, als sie in ihre Wohnung zurückkehren. Nur drei Tage später, am 22. Februar, werden Hans und Sophie Scholl und Christoph Probst zum Tode verurteilt und sofort hingerichtet. Am 19. April 1943 fällt der Volksgerichtshof in München das Todesurteil gegen Willi Graf, Prof. Kurt Huber und Alexander Schmorell. Huber und Schmorell werden am 13. Juli 1943 hingerichtet. Mit Willi Graf hat die Gestapo noch Pläne. Er soll Informationen über weitere Mitglieder und Kontakte der Weißen Rose außerhalb Münchens liefern. Willi Graf gibt niemanden preis. Erst am 12. Oktober 1943 wird er in der Haftanstalt München-Stadelheim mit dem Fallbeil hingerichtet. 1946 werden seine sterblichen Überreste nach Saarbrücken überführt und am 4. November auf dem alten St. Johanner Friedhof beigesetzt.

Ehrengrabstätte, Alter Friedhof St. Johann, Saarbrücken

Ehrengrabstätte, Alter Friedhof St. Johann, Saarbrücken

 

 

 

 

 

 

 

(Nach der „Lebenstafel“  in: Willi Graf, Briefe und Aufzeichnungen. Herausgegeben von Anneliese Knoop-Graf und Inge Jens. Mit einer Einleitung von Walter Jens.  Frankfurt am Mai 1988, S.247 – 250)

[1]  Nach: Willi Graf, Briefe und Aufzeichnungen. Herausgegeben von Anneliese Knoop-Graf und Inge Jens. Frankfurt am Main 1988, S. 37
[2]  Ebd., S. 99
[3]  Ebd.
[4]  Tagebuch-Eintrag vom 3. Februar 1943, ebd., S.104